Indien (Nordindien)

© Oxford, Bodleian Library MS. Sansk. c. 32 (f. 74v, ll. 4-5)
Sprache:
Sanskrit
Herkunftsort:
Indien (Nordindien)
Entstehungszeit:
Mitte des 2. Jahrhunderts
Transkription:
धर्म एव हतो हन्ति धर्मो रक्षति रक्षितः ।
तस्माद्धर्मो न हन्तव्यो मा नो धर्मो हतो वधीत् ॥

dharma eva hato hanti dharmo rakṣati rakṣitaḥ |
tasmād dharmo na hantavyo mā no dharmo hato vadhīt ||
Übersetzung
Die Gerechtigkeit schlägt zurück, wenn sie geschlagen wird; wird sie geschützt, so schützt sie. Deshalb darf man nicht gegen die Gerechtigkeit handeln. Denn die Gerechtigkeit zerstört uns, wenn sie verletzt wird.
Methodische Hinweise:

Der Mānavadharmaśāstra („Manus Gesetzeskodex“) ist der früheste Gesetzestext in Versform in Sanskrit, verfasst in Nordindien von einem gelehrten Brahmanen oder einer Gruppe von gelehrten Brahmanen in der Mitte des zweiten Jahrhunderts unserer Zeit.

Die Schreibtraditionen von Südasien haben sich nie auf eine einzige Schrift reduzieren lassen. Die frühesten sicher datierbaren Dokumente sind die Edikte Aśokas von Mitte des dritten Jahrhunderts vor unserer Zeit, die in Kharoṣṭhī-Schrift in der nordwestlichen Region Südasiens, nämlich im historischen Gebiet von Gandhāra, verfasst wurden und andernorts in Brāhmī-Schrift. Kharoṣṭhī blieb eine regionale Schrift, wohingegen Brāhmī sich weit über Südasien hinaus ausbreitete und sich zum Vorläufer der Hauptsprachen Südasiens entwickelte.

Das Strukturprinzip, das Kharoṣṭhī und Brāhmī gemein ist und später auch den Schriften, die vom Brāhmī abgeleitet wurden, ist das sogenannte Akṣara, das diese Schriftsysteme alphasyllabisch (d. h. buchstabensilbisch) macht oder zu Abugidas: ein Konsonantenzeichen enthält normalerweise einen inhärenten Vokal (kurzes a), wohingegen andere Vokale durch diakritische Zeichen (Zeichen, die die Aussprache oder den Vokalwert verändern) sowie Konsonantenverbindungen mittels Ligaturen (Konsonantenverbindungen) und verwandter Verfahren markiert werden.

Mit der Zeit diversifizierte sich Brāhmī in regionale Schriften, die von Material, Sprache und Schreibpraxis geformt wurden. Eine dieser Schriften ist Modernes Nāgarī oder Devanāgarī (aus dem Sanskrit: „[Schrift] der himmlischen Stadt“), das eine distinkte Identität durch das elfte Jahrhundert erhielt und später im ganzen nördlichen Südasien gebraucht wurde, nicht nur für Sanskrit, sondern auch für neue indoarische Sprachen (wie Hindī, Nepālī und Marāṭhī) und sogar nicht-indoarische Sprachen wie Gōṇḍī (eine dravidische Sprache). Das moderne Devanāgarī ist visuell durch eine horizontale Kopfzeile (im Sanskrit śirorekhā genannt), vergleichsweise kantige Buchstabenformen und das bereits erwähnte Akṣara-Prinzip gekennzeichnet.

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